Vernissage Petra Mattes
7.Februar 2003 Sonnenbühl-Uhdingen

"Sehr geehrte Vernissage-Besucher,


ich darf Sie sehr herzlich zu dieser Vernissage begrüßen und möchte Sie- wie auf einem Spaziergang - in diese Ausstellung hineinführen.

Auf den ersten Blick wird klar, wohin dieser Spaziergang uns führt: Petra Mattes arbeitet aus der Farbe heraus und sie malt- bis auf ganz wenige Ausnahmen - nicht gegenständlich. Dieses Nicht-Gegenständliche nennt man nun abstrakte Malerei. Wie lebendig abstrakte Kunst sein kann, zeigt ganz vorzüglich die Malweise von Petra Mattes, die von Körperbezogenheit, von vielfältigen Stimmungen und Ausdrucksmöglichkeiten lebt und deren Bilder eine enorme Tatkraft ausstrahlen. Vor ihr eine leere Leinwand, von aussen her drängt kein abzumalender Gegenstand in ihr Bild hinein, so ist das Malen eine Fahrt ins Ungewisse, in der sich die Dinge entwickeln dürfen. Das verlangt ein genaues Gespür nach Befindlichkeiten, Stimmungen und Farbempfindungen. Zu dieser Einfühlung gehört auch, dass Petra Mattes ihre Farben selbst mischt, jeder Farbton, jede Nuance ist von ihr selbst abgestimmt worden. Diese Bilder sind so abstrakt, wie die Musik abstrakt ist - und wer verfügt über mehr Emotionen als Musik? Der Vergleich mit der Musik ist nicht zufällig gewählt, denn viele Bildobjekte von Petra Mattes sind im Zusammenhang mit der Tonkunst entstanden, beispielsweise im Jahre 2000 Bilder für ein Tangokonzert im Tübingen Sudhaus oder eine Ausstellung ein Jahr später zu einem Konzert Neue Musik im alten Wiehre-Bahnhof Freiburg.

Petra Mattes künstlerischer Werdegang begann vor ca. 6 Jahren, ein kurzer Zeitraum, in dem sie in sehr konzentrierter Weise eine rasante Entwicklung durchlief. In ihre Anfangszeit fallen die Bilder hier, wie "Wiese" und "universe", im obersten Stockwerk zu finden, die von der Technik her gesehen als "getupfte Bilder" gelten. Mit dem Pinsel wird dabei Farbe in Eitempera auf die Leinwand hingetupft. Vergegenwärtigt man sich den Vorgang des Tupfens, so wird mit kleinen Bewegungen Schicht für Schicht die Fläche zugemacht, was nicht nur Geduld verlangt, sondern auch ein sehr bewusstes Führen von Auge und Hand - ein Vorgang, der das Malen selbst zur Sprache bringt, in der sich Petra Mattes wie bei einem Instrument ihre Töne selbst schafft. Mit Eitempera zu malen, bedeutet, dass die Farben sehr langsam trocknen. Um eine Farbdichte zu erzielen, trägt Petra Mattes also Schicht für Schicht die Farbe auf, wartet den Trockenprozess ab, um dann wieder erneut an ihr Bild zu gehen und setzt sich so über Wochen hinweg mit der Leuchtkraft und Intensität der Farben auseinander. 1998/99 besuchte Petra Mattes einen Malkurs an der Metzinger Kunstfachhochschule, um ihre bislang
autodidaktischen Studien zu erweitern. Der Schwerpunkt des Studiengangs galt dem "Action Painting"- der amerikanische Künstler Jackson Pollock steht für diese Malweise und er gilt als der Prototyp des Abstrakten Expressionismus. In einem Zeitungsartikel wird er übrigens so charakterisiert: ein letzter Held in der Reihe der amerikanischen Stars der Kunst des 20. Jahrhunderts, ein Vincent van Gogh mit Whiskeyglas, Zigarette und Strassenkreuzer. Ab 1946 entwickelte Pollock systematisch seine Tropf-Technik, die mit der traditionellen, akademischen Malweise radikal bricht.

Aus den getupften Malanfängen von Petra Mattes entwickelt sich ein mutigeres und kühneres Unterfangen: Leinwand und Papier befestigte sie auf den Boden, d.h. sie konnte um das Bild herumgehen, von allen vier Seiten arbeiten und so jedem Teil das gleiche Gewicht geben. Nur das Format begrenzt das Netzwerk aus Farbflächen und Farbschnüren. Gibt man diesen flirrenden Texturen noch eine kreisrunde Form, wie es unteren Eingangsbereich zu sehen ist, so verstärkt sich noch der Eindruck von Bildern ohne Anfang und Ende, deren feinen Gespinste sich noch endlos fortsetzen könnten.

Auf welche Weise wird hierin das einfachste aller Elemente der Malerei, nämlich die Linie, verarbeitet? In grosszügigen Bewegungen wird Farbe auf die Leinwand oder das Papier hingetropft, gegossen oder gespritzt. Der Malpinsel darf dabei das Papier nicht berühren. Durch Verdickungen oder Verdünnungen der Farbadern wird eine rhythmische Akzentuierung erreicht, wird der Malprozess beschleunigt oder gebremst. Was nach Zufall und Beliebigkeit auf den ersten Blick aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein sehr kontrollierter Vorgang. Bewusst wählt Petra Mattes die Farbe aus, bewusst geht sie von dunkleren zu helleren Farbtönen über und bewusst begibt sie sich in die Bewegung der Farbgebung hinein und überlässt sich keineswegs blind dem Zufall. Gerade das Einfühlen in den Rhythmus der eigenen Bewegungen beim Malen führt in eine Kontrolle beim Malen. Vielleicht bleibt die Ordnung dieser Bilder der Vernunft verborgen, erhellt wird dafür das Labyrinth des Schöpferischen. So sei auf diesen vier Meter langen Papierteppich verwiesen, der - wie bereits erwähnt- zu einem Konzert mit Neuer Musik ausgestellt worden ist, spiegelt er doch die Auflösung der Partitur in der Neuen Musik wieder. Sie finden den Papierteppich gleich neben dem Eingangsbereich.

Sehr spannend fällt auch die Mischtechnik von Action Painting und der Arbeit mit dem Spachtel aus in dem zweiteiligen Bild "New York", vom Format her an Wolkenkratzer erinnernd, gleich hier zu sehen. Mit dem Pinsel wurde hierin die Farbe auf die Leinwand geschleudert und dann mit dem Spachtel heruntergezogen. In dem verwirrenden Reichtum der Farbströme meint man in dem Diptychon
den brodelnden Rhythmus der Metropole zu spüren. Durch die Einsetzung von Goldtönen taucht das Stadtbild im zweiten Teil in ein weichschimmernd abgedämpftes Licht, verklärend in seiner Wirkung.

Es bedeutet durchaus keinen Gegensatz, wenn nach dem Vorgang des "Action Paintings" nun die Bilder der Gelb-, Rot-und Blauphase auftauchen, rechts im Gang und im obersten Stockwerk, in Eitempera gemalt aus dem Jahr 2001.Die Farbfelder werden intensiviert und durch Farbexperimente fein abgestuft. Bei Gelb dreht sich die Fabe von Hell zu Dunkel, auch der rote, senkrecht verlaufende Strich ist verschieden abgestuft, erscheint aber durch die unterschiedlichen Gelbtöne als gleichbleibend, was er aber nicht ist. Je nach Farbzusammenstellung variiert der Hintergrund, die Rot-und Blau-Kompositionen sind zudem aus sehr vielen Farbschichten zusammengesetzt und natürlich spielt das Format eine ausschlaggebende Rolle in ihrer Bildwirkung.

"Einen Strich zu ziehen" ist oft gar nicht einfach- da muss Klarheit herrschen und Entschlusskraft. Was leistet nun der Strich in Petra Mattes Malerei? Wie sähen die Bilder ohne Strich aus? Ohne Strich eine einheitliche, ungegliederte Farbzone, mit Strich entsteht Orientierung, die die Farbfelder eher betont als teilt.
Mathematisch gesehen gibt es durch den Strich ein Mehr und ein Weniger, künstlerisch gesehen besteht das Kleinere gegenüber dem Grösseren und bringt die Farbwirkungen nuancenreich zum Klingen.

In diesen Dialog der Farbfelder möchte ich auch das dreiteilige Bild mit hineinziehen, Anfang 2002 entstanden, es hängt im oberen Stockwerk. Eine Herausforderung dieser Komposition liegt in ihrem Format, das eine länglich schmal, das andere etwas breiter. Von Dunkel nach Hell gearbeitet, führt hier Petra Mattes Farbtöne zusammen, die eigentlich als unvereinbar gelten, wie grün, orange und rosa, die sie aber zu einer besonderen Farbstimmung zu vereinigen wusste und somit das rein Dekorative vermeiden liess. Trotz ihrer Teilung sind zwei dieser Bilder als Einheit zu sehen, denn sie sind nicht nacheinander gemalt worden, sondern miteinander- wie in einem Gespräch führt das eine Bild die Malbewegung zu Ende und gibt den Anfang zu einer neuen vor, die das zweite Bild weiterentwickelt. Als Ruhe- und Konzentrationspunkt dann der dritte untere Teil, reine Farbe, zum Malgrund verdichtet.

"Versuchte Annäherung", auf der linken Gangseite, beschreibt zwei Formen, die sich treffen wollen und doch wieder eigene Wege gehen. Das Bild ist aus der Bewegung heraus entstanden; die schnell trocknenden Acrylfarben erlauben solch rasches Arbeiten nach einer Idee, die im Kopf schon lange Gestalt angenommen hatte.

Aus der Anfangszeit stammen übrigens diese zwei Aktdarstellungen mit Acryl und Kohle, an der linken Wand hier. Es handelte sich dabei um eine Auftragsarbeit. Als Malerin, sagt Petra Mattes, brachte sie zunächst nicht allzuviel Interesse für Frauenakte auf, zu oft wird die Frau- gerade in der Medienwelt täglich zu erleben - zum blossen Objekt degradiert, zu inflationär ist ihre Nacktheit verbreitet. Aber gerade darin lag auch eine Herausforderung: wie kann - auch in einer Aktdarstellung- eine optische Verfügbarkeit der Frau verhindert, wie die Abgegriffenheit des Motivs verhindert werden? Die Künstlerin löste es derart, dass sie die abstrakte Form wählte statt des naturalistischen Abbildens und die Frau aus der Rückenansicht darstellte. Ihr Kopf ist wie in einer abrupten Bewegung nach vorne gekippt und wehrt fast trotzig wirkend einen möglichen Voyeurismus ab.

In " Diptychon" im hinteren Teil des Ganges wurde die Farbe aus Eitempera mit dem Spachtel aufgetragen. Dadurch, dass die Farbe sehr feucht war und nur langsam trocknete, entstanden diese Farbschlieren, die das Bild mit einem lebendigen Rhythmus überziehen. Diese sich auftuende Spannung hängt auch damit zusammen, dass die darunterliegende Farbfläche mit dem Pinsel aufgetragen wurde.

Die schon kurz erwähnten Tangobilder aus dem Jahr 2001 im obersten Stockwerk wurden eigens für die von Volker Heim komponierte Tangomusik gemalt. Während des Malens hörte Petra Mattes die Musik und protokollierte gleichsam durch ihr genaues Hinhören den musikalischen Vorgang. Dieses Tangokonzert nahm Bezug auf die ursprüngliche Form der Tangomusik, die von der entwurzelten Kultur der Auswanderer erzählt, von ihren Existenzkämpfen und Ängsten und heftige Körperemotionen wie Stampfen und Stöhnen aus sich explodieren lässt. Auch die Bilder nehmen diese vehementen Impulse auf, die zackigen und wild in sich kreisenden Pinselführungen fangen die vibrierenden und abrupten Tanzbewegungen auf, die Linien bohren sich wie Tanzschritte in die Farbflächen hinein.

Die "Spachtelserie" rechts zu sehen im hinteren Gang enstand ganz ohne Pinsel, ihre Tiefenwirkung wird durch dickere Farbauftragung erzielt. Die Farbe zog Petra Mattes radikal mit dem Spachtel herunter, nahe an der Grenze zur Zerstörung der Leinwand, was den Eindruck einer Momentaufnahme noch verstärkt.

Radikalität und Risikobereitschaft zeichnet auch die in Gelb-, Grün- und Blautönen gehaltenen Farbbilder aus, rechts im Gang. Sie zählen zu den wenigen Bildobjekten, die Petra Mattes in gezielter Planung anging. Doch gerade dieses Konstruieren, dieses Perfektionistische reizte sie zur Überschreitung, zum Risiko. Mit Nagel und Schere riss sie Löcher in die Leinwand und öffnete buchstäblich die Bildoberfläche, die sie dann wieder mit einem darunter geklebten Malgrund verschloss. Statt in bodenlose Löcher der Leere und des Nichts zu fallen, weisen diese gefährdeten, aber geheilten Stellen wieder auf das, was das Schaffen Petra Mattes ausmacht: Das Vertrauen in die Ausdruckskraft der Malerei- zurecht trägt hier das grün-gelbe Bild den Titel Hoffnung.

Ende 2002 sind diese grossformatigen Farbfeldmalereien entstanden, das Rote "Wundheilung" genannt, ohne Titel das Grüne, im Eingangsbereich zu finden. Die Rot-bzw.Grüntöne sind aufeinander abgestuft, gemalt mit Acrylfarben, und mit technischer Finesse sind während des Trockenvorgangs bei den Farbverdickungen feine Risse entstanden, die die glatt-sauberen Farbfelder aufbrechen lassen, sogar Schatten werfen und so die Lebendigkeit der Farben unterstreichen. Eingebundene Korkrinde, die Schutzrinde des Baumes, in der Grünkomposition verstärken noch die Spannung zwischen Farbe, Lichteinfall, Leinwand und dem Naturmaterial.

Ganz neu ist in jeder Hinsicht "Rot" - so der Bildtitel- im unteren linken Eingangsbereich, zu Beginn des neuen Jahres als Auftragsarbeit gemalt, war es auch künstlerisch gesehen ein Neuland für Petra Mattes, die erstmals in diesem grossen Format, das Bild misst 1,50 m x 2 m, dem Phänomen Raum und Farbe nachspürte. Mit einem sehr breiten Pinsel trug sie Ölfarben mit Eitempera vermischt auf die Leinwand in horizontralen und vertikalen Bewegungen. Über dieses Gitterwerk legte sie dann mit runder Pinselführung Acrylfarben, die sie mit Sand mischte. Aus den abstrakten Netzwerkstrukturen modulieren sich nun feine Farbflächen heraus, ein strukturierter Bildraum, der das oft als agressiv angesehene Rot in einen weichen, lebendigen Farbraum zu bändigen weiss.

Man kann Atem holen bei der Betrachtung dieser Bilder, sich in den Farbensog hineinziehen lassen. Gleichzeitig fordert die bewusst sorgsam angesetzte Malweise von Petra Mattes zur Auseinandersetzung auf, Zeichen einer lebendigen Abstraktion. Oder um es mit den Worten des Künstlers Willi Baumeisters zu sagen:" Es geht nicht darum, die Natur abzubilden, sondern darum, wie die Natur Bilder zu erschaffen." Am Ende des Spaziergangs angelangt, gilt es auch den Dank auszusprechen für die zahlreichen Leihgaben, die für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt wurden.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen viel Freude an dieser Ausstellung."

Sabine Oswalt