Ausstellungen eigenArt 2006 von Petra Mattes
Dr. Barbara Lipps-Kant Tübingen, den 24. September 2006
Einführung von Frau Dr. Barbara Lipps-Kant in die Ausstellung “Petra Mattes - EigenArt“ am 30.
September 2006 im Gewerbemuseurn Spaichingen
Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Petra Mattes, es ist für
mich eine große Freude, hier in die farbenprächtige Ausstellung
von Petra Mattes einzuführen. Die Künstierin, die in Rottenburg
am Neckar lebt und malt, präsentiert sich zum ersten Mal in
einer Einzelausstellung in ihrer Heimatstadt Spaichingen. Ihre
Werke sind nicht dem Gegenstand verhaftet sondern frei
komponiert. In Eitempera, Acryl, Lack und Mischtechniken faßt
sie die Welt in Farbfeldern, Farbgewittern, ja Farbexpiosionen.
Sie gewichtet, experimentiert. In ihren Bildern geht es zuerst
um die Farbe, dann um die Form. Ihre Arbeiten entstehen aus
einem Lebensgefühl, einer Stinmtung, einer Bewegung heraus. In
ihnen ist dem Visionären Raum gegeben. Es sind vielschichtige
Projektionen einer Innenwelt.
Heute, im Zeitalter des Stilpluralismus, existieren ganz
unterschiedliche künstlerische Umsetzungen von Natur. Denn in
ihr liegt der Grund jeder bildnerischen Annäherung. Aber während
in früheren Jahrhunderten ein Stil für eine Epoche bestimmend
war, gilt dies für die Zeit etwa ab 1900 nicht mehr. In der
Folge der Umwälzungen, der Umbrüche,
Revolutionen und Krisen, gerieten auch die Künstler, sensible
Protokolj.anten des Weltgeschehens, in Diskussionen um das
tradierte Wertesystem in der Kunst. Man fragte sich, ob es
sinnvoll sei, weiterhin an traditionellen Bildgattungen
festzuhalten. Man stellte Bildjnhalte zur Disposition, zerschlug
die räumliche Staffelung in der Darstellung. Alles wurde hinterf ragt. Das ging so weit, daß Juan Gris und Pablo Picasso
1908 die Collage kreierten, eine, wie es schien, willkürliche
Zusammenfügung gefundener Partikel im Bild, ein Sammelsurium von
alten Fahrscheinen, Papierfetzen, Bändern und anderen
Fundstücken, die in neuer Ordnung eine neue Wirklichkeit
beschwören. Die Reaktion der Künstler auf die zerrissene, in
Bruchstücken liegende Welt ist die Collage. Weitere Demontagen
folgten. Epressionismus und Kubismus, die Bauhauslinie,
surrealistische Tendenzen, Abstraktion und Informel, Objektkunst
und Installation und viele weitere Richtungen. Daneben immer
wieder die Rückbesinnung auf den Gegenstand Z.B. in den Arbeiten
der kritischen Realisten, der Neuen Wilden, der ins Pastose,
Großforrnatige gesteigerten Malerei. Die Reaktion des Publikums
auf diese neuen Ausdrucksformen war Hohn und Spott. Erst
allmählich gewannen die neuen Darstellungsweisen Anerkennung.
Wer heute den Kunstmarkt beobachtet, weiß, daß Arbeiten der
Klassischen Moderne hohe Preise erzielen. Und dennoch gibt es
auch Menschen, die sich, zumindest im Kunstberejch, in die
Idylle der heilen Welt zurückträumen.
Die Vielfalt im Künstlerischen hat heute im Zeitalter des
Computers und der Datenübermittlung per Mouseclick in alle Welt
ihre Berechtigung. Künstler und Künstlerinnen, in gewisser Weise
Deuter von Welt, reagieren nicht nur auf Zeichen ihrer Zeit, sie
nähern sich vielmehr in ihren Werken auf ganz unterschiedliche
Weise Zeit und Geschichte, befassen sich mit den ewigen Fragen
der Menschen nach Werden und Vergehen, betreiben Spurensuche,
befragen das Selbst.
An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zur Vita von Petra Mattes.
Geboren 1963 in Spaichingen, wo sie die Schule besucht hat und
aufgewachsen ist, fühlte sich Petra Mattes von früh auf der
Kunst verbunden. Doch studierte sie nach dem Abitur zunächst in
Siegen, dann in Tübingen Wirtschaftswissenschaften und Jura, gründete eine Familie, zwei Töchter wurden geboren. Doch ob beim
Einrichten des schönen Hauses oder bei der Gestaltung der
Kinderzimmer, wenn sie in Galerien weilte oder Ausstellungen
besuchte, immer fand sie sich der bangen Frage nach dem
künstlerischen Ausdruck, nach ihrem Beitrag zur künstlerischen
Form, konfrontiert. Sie ist begierig auf Neues, möchte mehr
wissen über Malerei, Bildhauerei oder Photographie, befaßt sich
mit den Schicksalen von Künstlerinnen und Künstlern, studiert
Lebensentwürfe. Immer klarer erkennt sie, daß sie selbst ein
künstlerischer Mensch ist, daß sie malen muß. Am Anfang stehen
1996 autodidaktjsche Versuche, Studien über Farb- und
Formgebung, Komposition. Immer deutlicher kristallisiert sich
heraus, in welche Richtung ihre Malerei geht. In der Aktion, im
Maiprozess fühlt sie sich geborgen. Anregungen erhält sie 1998
am Metzinger Kunstsemjnar, heute Fachhochschule für Gestaltung,
Schwäbisch Hall, einer schon damals bedeutenden
Kunstinstitution. Hier studierte sie Maler wie etwa Jackson
Pollock, Sam Francis, Willem de Kooning, Jasper Johns und andere
Künstler des Action Painting. Darauf komme ich später noch
einmal zurück. Es entstanden Tropfbilder, Arbeiten mit
verlaufenden Farben, Kompositionen, die wie geschwemmelt
aussehen oder wie marmoriert — alle Arten von Aktionskunst,
denen entfernt Musterhaftes eignet. Es scheint, als hätte die
Künstierin in dieser spannenden Auseinandersetzung ihr Selbst
gefunden. Damals wurde sie in Metzingen zu einer Ausstellung in
den Räumen des Seminars gebeten. Seither ist sie in vielen
Präsentationen, Einzel— und Gruppenausstellungen im In— und
vereinzelt auch im Ausland hervorgetreten. Viele Menschen haben
sich an ihren Bildern erfreut. Werke von ihrer Hand befinden sich in zahlreichen Kunstsammlungen.
Doch nun zu den Exponaten der Ausstellung. Entstanden in den
vergangenen zehn Jahren, also aus der Epoche, die auf den Entschluß, Künstierin, Malerin zu werden, folgte, geben diese
Bilder neben ihrer Schönheit eine Fülle von Informationen Preis.
Informationen über Schwerpunkte der künstlerischen Produktion
etwa, über Entwicklungsschritte und Vorlieben. Ich schätze
besonders jene Werke, die in der einen oder anderen Weise auf
Action Painting Bezug nehmen. Das sind laut Ausstellungsliste
die Nr. 8 und 24, die ausdrücklich so benannt sind. Daneben aber
noch eine ganze Reihe anderer Leinwände, die unter der
Bezeichnung O.T. erscheinen. Man erkennt sie sofort, jene
Kompositionen, die von der Wiederholung leben und in denen der
Zufall, der gelenkte Zufall, herrscht. Wenn ich zuvor angedeutet
habe, daß sich die Ktinstlerjn durch die Auseinandersetzung mit
dieser Kunstrichtung ihr ureigenstes Feld erobert habe, dann
meinte ich damit nicht das sklavische Wieder und Wieder Beleben
von Formeln der Vergangenheit, sondern die Eroberung dieses
Malstils und das stetige Weiterentwickeln der Form.
Action Painting ist eine Kunstrichtung, die sich in den USA, vor
allem in New York in den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts
herauskristallisiert hat. Sie beruht auf der geistigen
Auseinandersetzung mit Gedanken und Vorstellungen der deutschen
Expressionisten, mit cien Brücke Malern und den Vertretern des
Blauen Reiters vor dem ersten Weltkrieg. Vermittler dieser Ideen
waren Künstler wie Karl Zerbe, der an der Bostoner Kunstakademie
unterrichtete und andere Emigranten, aber auch bedeutende
Kunstsammler wie etwa Erich Cohn in New York, die dem deutschen
Expressionismus huldigten. Für den gewünschten expressiven
Ausdruck stellten die jungen amerikanischen Expressionisten um
Jackson Pollock die Malaktion in den Mittelpunkt des Geschehens.
Dazu kamen die Wiederholung meist kleinteiliger
Kompositionselemente, das freie Fließen der Farbe und andere dem
Zufälligen nahe stehende Malweisen. Diese Erkundungen auf bisher
nicht gekanntem Terrain waren für viele Zeitgenossen eine große Herausforderung. Als Bilder der amerikanischen Expressionisten,
so lautet der andere Name der Action Painter, nach dem zweiten
Weltkrieg in Europa zu sehen waren, kam es auch hier, ähnlich
wie bei abstrakten Entwürfen oder Kompositionen des Informel, zu
erregten Diskussionen um diese neue Kunst.~ Heute hat sich die
Empörung längst gelegt. Ergriffen folgen Künstler den Spuren der
Action Painter. Petra Mattes hat diesen Malstil, dem ja auch
eine philosophische Dimension zukommt, am Metzinger Kunstseminar
grundlegend studiert. Dort war er Schwerpunktthema. Und ich
denke, sie hat damals viel für die eigene Entwicklung gewonnen.
Zielstrebig ist sie seither fortgeschritten auf dem Weg der
Hinterfragung von Farbe und Form, Licht und Raum. Im Bestimmen,
ja Ausloten von Farbe, im Auskosten feinster Nuancen und
heftigster Gegensätze gewinnt die Farbfeldmalerei an Bedeutung.
Vielfach stellt sie ihre Farben selber her, mischt sie auf der
Palette, und trägt sie, Pinselstrich für Pinselstrich, auf,übermalt, wenn notwendig, oder nimmt mit dem Spachtel Intensität
weg, sorgt für Verschleiern.
Abschließend möchte ich ein Bild genauer betrachten. Es ist ein
Rundbild, ein Tondo, aus dem Jahr 1998, eine Arbeit in Acryl und
Lack. Diese Bildform hat in der Antike ihre Wurzeln, fand jedoch
besonders in der italienischen, der florentinischen Renaissance
Verwendung. Heute kommt sie selten vor. Petra Mattes hat nur
diese Komposition in Rundform geschaffen. Der Gedanke, daß für
ihre Darstellung jede Ansicht Gültigkeit besitzt und keine
besondere Schauseite erforderlich ist, scheint zu Grunde zu
liegen. Das Bild ist 1998 im Metzinger Kunstseminar im Zuge der
intensiven Auseinandersetzung mit Action Painting entstanden.
Auf schwarzem Grund Tropfen in verschiedenen Rottönen und
Orange. Aufgetragen wie rote Inseln und Milchstraßen in Orange.
Der Rhythmus unregelmäßig. Zufall bestimmt das Geschehen.
Darüber wie in einem Akt der Befreiung weißer Lack in Schlieren und Kreisen. An manchen Stellen vermeint der Betrachter das
ungeduldige Stampfen von Füßen zu hören, an anderen erscheinen
Punktgewitter, an wieder anderen zarte Stege, wie tanzend. Ein
Bild der Lebensfreude, der Aktion, des gelenkten Zufalls.
Wie immer in Kunstwerken ist hier Weltdeutung vollzogen.
Weltdeutung in Schlieren und Klecksen und ganz ohne inhaltliche
Vorgaben - kann das denn sein? Ja, natürlich, denn die
Künstlerjn besinnt sich hier des Urgrundes der Schöpfung, nimmt
Strukturen in ihren Blick, projiziert innere Bilder, Formationen
weit jenseits der gewohnten Gegenständlichkeit. Im Zurückgehen
auf Spuren und Zeichen nähert sie sich Zeit und Geschichte,
versucht sie Antworten auf die rätselhafte Welt.